Hurra, Ruth kommt zu Besuch (abcEtüden 48.17) #Ruthreist

Das die Geschichte langwierig werden würde, hatte sie sich schon gedacht, als sie in dem trockenen, mit spitzen Kieseln bestückten, aber wasserlosem Flussbett lag und ihren seltsam verdrehten Fuß betrachtete.

Allerdings hatte sie mit ein paar Wochen und nicht mit Monaten gerechnet, aber der Bruch war kompliziert und die Bänder auch hinüber bzw. gerissen, also hieß es Geduld haben, aber Miras Stärke war das nicht.

Mensch, das war aber auch langweilig, sämtliche Fernsehserien kannte sie, die meisten Bücher, die sie interessierten und auch andere, hatte sie gelesen, ihre Follower waren auch schon genervt von ihren unzähligen Posts und mit den Freundinnen gab es auch nicht mehr viel zu erzählen, sie erlebte ja nichts.

Vor lauter Frust hatte sie sogar angefangen zu klöppeln und fand das selbst zum Schießen, wenn das ihre alte Handarbeitslehrerin sehen könnte, die immer behauptete ihr Talent läge bei circa -1 und sie hatte Puppenjäckchen stricken lassen, während alle anderen eine Jacke für sich machten und es natürlich extrem lustig fanden, es ihr auch deutlich zeigten und sie damit aufzogen.

Aber zum Glück würde morgen Tante Ruth von ihrer Teneriffareise wiederkommen und sie gewiss mit vielen bunten Geschichten unterhalten, Tante Ruth war die erstaunlichste Frau, die sie kannte, jedenfalls seit einiger Zeit, genauer gesagt, seit Ruth aus China zurück war, vorher war sie eigentlich eine ganz normale, nette und warmherzige alte Dame gewesen, aber nun, die Wandlung ist unglaublich, so ziemlich alle ihre Klamotten hatte sie rausgeschmissen, hatte sich Jeans, glitzernde Gesundheitsschuhe, Hoodies, coole Oberteile in bunten Farben gekauft, war beim Friseur gewesen und trug jetzt selbstbewusst einen chicen Pixie, der ihr wahnsinnig gut stand.

Allein der Gedanke an Ruth heiterte sie auf, denn die war mit 85 nicht zu alt gewesen neu anzufangen, dagegen war sie doch echt ein junger Hüpfer mit ihren 56, da kam es doch gar nicht auf die paar Monate an und dann würde sie auch ganz viel ändern und nur noch auf sich hören, allein schon, weil sie dann nie wieder in so einem blöden Flußbett landen würde, denn nur wegen Thorstens Idee vom Urlaub in der reinen Natur, lag sie jetzt hier, dabei war der Urlaub genauso langweilig wie er gewesen.

Endlich war Ruth da, braungebrannt, weil sie braune Falten besser fand, als weiße, mit einem bunten Batikkleid das Urlaub und Süden schrie, sie hatte eine ganze Tasche Geschenke von Teneriffa dabei, sogar eine Flasche Sangria, original, im Schraubglas transportiert, leckeres Mandelgebäck, eine Papageienblume, eine tolle Spitzenbluse für sie und Aloevera-Gel für den Fuß, das beste aber waren die vielen lustigen Erlebnisse, von denen Ruth so bildhaft berichtete und besonders die Story ihrer erfolgreichen Verbrecherjagd, gleich ging es ihr, Mira, viel besser.

Noch viel besser ging es ihr jedoch, als Tante Ruth fragte, ob sie im nächsten Urlaub nicht mir ihr nach Kanada wolle, sie habe schon immer die Niagarafälle sehen wollen und außerdem, sei doch ihre Freundin Esther damals als Kind mit ihren Eltern nach Toronto ausgewandert, wer weiß, vielleicht lebt Esther ja auch noch und sie, Mira könne doch viel besser Englisch als Ruth.

Ohne zu zögern sagte sie zu und freute sich jetzt schon ein Loch in den Bauch, machte Pläne und recherchierte, vor allem nachdem sie sich besorgt erkundigt hatte, ob sich Ruth denn so eine teure Reise leisten könne, aber Ruth meinte, zu etwas hätte ihre Ehe mit dem lange verstorbenen und geizigen Alfred doch auch gut sein müssen, außerdem habe sie von der spanischen Polizei auch noch eine gute Belohnung bekommen.

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Die abcEtüden

Schreibeinladung zu den abc-Etüden, von Christianes

Wortspende von Myriade

Illustration von Herrn lz.

Regeln: Drei vorgegebene Worte, maximal. 10 Sätze.

abc Etüden 37.17

Die liebe Christiane ruft auch diese Woche wieder zu den abc Etüden auf, sowohl die tolle Grafik als auch die Wortspenden

Knutschkugel
Verwandlung
Beichtstuhl

stammen vom Etüdenerfinder und Maler lz. (@odradet). Diese drei Worte sollen in maximal 10 Sätzen zu einer kleinen Geschichte verarbeitet werden.

2017_37-17_eins

Nichts bleibt gleich?

Als ich Vera kennen lernte, waren wir beide noch in der Grundschule, sie war eine immer fröhliche kleine Knutschkugel, die man einfach liebhaben musste und so wurden wir gute Freundinnen, die unzertrennlich waren. Wir waren sehr traurig, als Vera und ihre Familie in die USA zogen wir elf waren, ihr Vater hatte dort ein tolles Job-Angebot und leider verloren wir uns mit der Zeit aus den Augen.

Mit Mitte 20 konnte ich mir endlich eine eigene Wohnung einrichten und stöberte durch die Antiquitäten-Läden, weil ich mir in den Kopf gesetzt hatte, einen alten Beichtstuhl zur Garderobe umzufunktionieren. Bei meiner Suche traf ich auf Thomas, auch ein Mitschüler aus der Grundschule, einen Beichtstuhl hatte er zwar nicht zu bieten, aber dafür Neuigkeiten über Vera. Er erzählte, er habe sie zufällig in einer Zeitschrift der Yellow-Press gesehen, denn inzwischen wäre aus ihr ein Supermodel geworden und sie sei einfach wunderschön.

Natürlich kaufte ich mir die Zeitung, wow, was für eine Verwandlung.

Kurzentschlossen rief ich die alte Nummer ihrer Eltern an und hatte doppelt Glück, die Nummer stimmte noch und Vera war gerade zu Besuch bei ihr. Es war, als wären 15 Minuten vergangen und nicht 15 Jahre, Vera war noch genauso lustig, lieb und freundlich, meine Lieblings-Knutschkugel eben. Heute gehen wir beide auf die 60 zu, ich bin die Patentante ihrer Kinder und sie die meiner und irgendwann, so ist es geplant, werden wir zusammen in unserer Alters-WG leben, die schöne Vera und ich, ihre kleine Knutschkugel.

Liebste Grüße

Ela